19.02.2018: Interview mit Norbert Scholl zur Buchveröffentlichung "Anders in die Zukunft gehen"

„Die Kirchen sollten rechtzeitig auf Privilegien verzichten“

Zum fünften Jahrestag der Wahl Papst Franziskus' hat ihm Prof. Norbert Scholl ein Buch gewidmet. In "Anders in die Zukunft gehen" das jetzt im Bonifatius Verlag erschienen ist, zeichnet Scholl eine "verantwortbar vereinfachende und verständliche (Kurz-)Darstellung des christlichen Glaubens" (Wolfgang Thierse im Geleitwort zum Buch). Anlässlich des Verkaufsstarts haben wir Prof. Scholl fünf Fragen gestellt.

 

Herr Prof. Scholl, Sie haben Ihr Buch Papst Franziskus gewidmet. Warum?

Ich schätze die bescheidene und zurückhaltende Art seines Auftretens und seinen anspruchslosen Lebensstil. Wirklich jesuanisch. Das Buch habe ich ihm deshalb gewidmet, weil er für viele Katholiken – für mich auch – Veranlassung zu der Hoffnung gibt, dass sich die Kirche gegenüber den Menschen mit Verständnis für deren Probleme öffnet und sich nicht länger an gegenstandslos gewordene Traditionen klammert.

 

Ist sein Pontifikat eine neue Ära?

Als neue Ära würde ich das Pontifikat von Franziskus nicht bezeichnen, da seine Gedanken und sein persönliches Verhalten noch nicht Allgemeingut in der Kirche geworden sind. Seine Amtszeit erscheint mir jedoch als ein Hoffnung gebender Übergang zu einem neuen, wieder stärker am Vorbild Jesu orientierten Selbstverständnis der Kirche. Franziskus geht hinaus "an die Ränder". Er trägt als Papst nicht nur den Titel "Servus servorum De", Diener der Diener Gottes, sondern lebt diesen Anspruch auch exemplarisch vor.

 

Sie verstehen Ihr Buch als "Beitrag für eine theologische Neubesinnung". Was wollen Sie damit sagen?

Eine "Relecture" der Theologie ist dringend erforderlich. Viele theologische Begriffe werden heute nicht mehr verstanden und sind zu leeren Formeln erstarrt. Manche haben eine völlig andere Bedeutung bekommen und besagen das Gegenteil des ursprünglich Gemeinten, wie zum Beispiel der Person-Begriff in der Trinitätslehre. Die Frage nach Gott muss angesichts der Erkenntnisse der Naturwissenschaften neu durchdacht und formuliert werden. Die Aussage "Jesus ist der Sohn Gottes" müsste von ihrem biblischen Hintergrund her neu gesehen und versprachlicht werden. Möglicherweise sieht Franziskus diese Aufgabe noch nicht, weil er aus einem anderen Kulturkreis kommt. Vielleicht wagt er es aber auch nicht, sie in Angriff zu nehmen aus Angst, damit bei den Hardlinern eine Kirchenspaltung zu provozieren.

 

Der Titel Ihres Buches besagt, dass Christen anders in die Zukunft gehen. Wie – anders?

Die Zeit, in der das Christentum die dominierende Religion in Europa war, gehört der Vergangenheit an. Die Kirchen sollten rechtzeitig auf Privilegien verzichten, die sie bisher für sich in Anspruch genommen haben und endlich notwendige Reformen durchführen, bevor es zu spät ist. Zugleich steht als innere Aufgabe an, dass die Kirchen an einer christlichen Identität arbeiten, die einerseits von einer vernunftgeleiteten Aufklärung und andererseits von einer Spiritualität bestimmt ist, die sich am Evangelium orientiert. Nur mit einer klaren Identität haben Christen eine Zukunft.

 

Wieso ist Christsein sinnvoll?

Zum Kern der christlichen Botschaft gehört, dass dieser Welt eine Kraft zum Guten innewohnt, die wir "Gott" nennen. Auf diesen Gott können Menschen im Leben und im Sterben vertrauen. Dieses Vertrauen macht frei zu selbstlosem Einsatz angesichts einer weltweit zunehmenden Gewaltbereitschaft, einer ungehemmt sich ausbreitenden Bereicherungs-  und Verdrängungsmentalität, einer wachsenden Missachtung der Menschenwürde und einer erschreckend sich verstärkenden Egomanie. Die Forderungen der Bergpredigt erscheinen mir mehr denn je aktuell zu sein.


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