27.02.2017: Ein Buch erinnert an Philipp Georg Brüll, Bildhauer des Barock im Hochstift Paderborn

Ein fast vergessener Meister

Ein Buch erinnert an Philipp Georg Brüll, Bildhauer des Barock im Hochstift Paderborn

Bis heute prägt das Barock Kirchen und kirchliche Orte im Hochstift. Viele barocke Kunstwerke sind innerhalb eines Jahrzehnts in den Werkstätten der Bildhauer Heinrich Gröne und Philipp Georg Brüll entstanden. Ihre Kunst ist geblieben, aber allem Philipp Georg Brüll ist fast in Vergessenheit geraten. Jetzt erinnert ein Buch an ihn.

Die Autoren Richard Dertinger und Wolfgang Hansmann haben sich Leben und Werk des Barockkünstlers gewidmet und sich dabei einer echten Forschungsaufgabe unterzogen. Von Leben des 1648 in Geseke geboren Brüll ist kaum etwas bekannt.  Das gilt auch für viele seiner Kunstwerke. Durch Vergleiche und Quellenstudium können die Verfasser etliche Herkunftsfragen klären, anderes bleibt weiter im Ungewissen.

Paderborn hatte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) nur langsam erholt. Zwar ließ Fürstbischof Dietrich Adolf von der Reck Mitte des 17. Jahrhunderts die mittelalterliche Innenausstattung des Doms durch eine barocke Gestaltung ersetzen. Doch dann blieben die Aufträge aus. Erst Ende des 17. Jahrhunderts setzte schlagartig ein neuer barocker Bauboom im Hochstift ein. Philipp Georg Brüll war genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle – und er traf einen Partner, mit dem er ein Jahrzehnt lang eng zusammenarbeiten sollte: den Bildhauer Heinrich Gröne.

Gröne hatte die Leitung der gemeinschaftlichen Projekte inne, aber im Künstlerischen war Brüll Gröne durchaus gleichberechtigt. Brülls Stärke waren die Skulpturen. Faltenwurf der Gewänder, Körperhaltung, emotionaler Ausdruck: Darin war er Meister. Ähnliches gilt für die virtuos geschnitzten Ranken-, Frucht- und Blumengirlanden aus seiner Hand. Grönes Spezialität waren dagegen die von Weinlaub und Puten umspielten Spiralsäulen.

„Die Arbeitsteilung erlaubt es beiden Bildhauern, gleichzeitig mehrere Objekte in Angriff zu nehmen, ohne einen großen Mitarbeiterstab einstellen zu müssen“, schreiben Dertinger und Hansmann über die Vorteile der Zusammenarbeit.  Brüll arbeitete in seinem Paderborner Haus am Markt 4, vielleicht auch in der leer stehenden Johanneskirche auf dem Gelände der Jesuiten.

Innerhalb von zehn Jahren entstand eine wahre Flut von Kunstwerken. Es begann mit den Hochaltären in Brenkhausen und in der Abdinghofkirche (1691/1692, heute St. Nikolaus zu Natzungen). Zeitgleich entstanden die Altäre in der Gaukirche (heute Dominikanerkirche, Münster) und in der Michaelskirche in Paderborn (1696 - 1698). Aus Brülls Werkstatt stammen weitere Arbeiten wie der Meinolphusschrein von Böddeken, der heute in der Pfarrkirche St. Vitus in Haaren steht, oder die Bildstöcke an der Neuhäuser Straße und an der früheren „Roms Kapelle“, heute Herz-Jesu-Kirche Paderborn.

1706 starb Philipp Georg Brüll mit nur 58 Jahren. Beigesetzt ist er in der Gaukirche, seine Grabstätte ist unbekannt – wie er überhaupt fast in Vergessenheit geraten ist. Bezeichnend ist das Schicksal des Hochaltars, der für die Gaukirche entstand und 1904 in die Dominikanerkirche in Münster verkauft wurde. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand der Altar hinter einer Trennwand. Seitdem, so beklagen die Autoren seiner Biographie, ist eines der wichtigsten Zeugnisse des Barock im Hochstift nur noch hinter „Schwedischen Gardinen“ zu besichtigen.

 

Richard Dertinger | Wolfgang Hansmann
> Philipp Georg Brüll (1648-1706)
Ein westfälischer Bildhauer der Barockzeit im Hochstift Paderborn

Erschienen in der Reihe: Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte, Band 80. Im Auftrag des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn

14,5 x 22 cm
Gebunden, 123 Seiten
ISBN 978-3-89710-696-3, 29,90 EUR