24.05.2017: Andreas Püttmann über die Bedeutung der katholischen Kirche in Deutschland

Meinungsstark und faktensicher

Debatten anzustiften, ist dem Bestsellerautor Andreas Püttmann schon 2010 mit seinem Buch „Gesellschaft ohne Gott“ gelungen. Im gerade erschienenen Nachfolger "Wie katholisch ist Deutschland ..." geht es um die Bedeutung des Katholizismus in Deutschland.

von Karl-Martin Flüter

> Andreas Püttmann ist ein Mensch der Zahlen. Das betont er gerne, vielleicht auch, weil es ihn in bestimmter Weise einzigartig macht. Das Forschungsgebiet des promovierten Politikwissenschaftlers und Publizisten ist die katholische Kirche. Konkrete Fakten spielen viel zu selten eine Rolle, wenn um die Rolle der Kirche in der Gegenwartsgesellschaft öffentlich debattiert wird. Nicht so bei Andreas Püttmann. Seine Veröffentlichungen lassen vermuten, dass er Hunderte Statistiken und Studien über die Kirche gesammelt und intensiv ausgewertet hat. Er nutzt diesen überreichen Fundus mit fast spitzbübischer Freude. Fehleinschätzungen, Vorurteile und unzulässige Verkürzungen über die Kirche zu korrigieren, ist ihm ein Vergnügen – und er hält dieses Zurechtrücken von Einschätzungen für dringend notwendig. „Ich möchte das Selbstbewusstsein des Katholischen wieder aufbauen“, sagt er.

> "Wie katholisch ist Deutschland ...", schreibt der Autor harmlos im Titel, um schon im Untertitel mit einer weiteren Frage wider den Stachel zu löcken: „… und was hat es davon?“ Die Unzufriedenheit, dass der Katholizismus in Deutschland ungerecht behandelt wird, treibt Andreas Püttmann um – und wer ähnlich empfindet, der kann sich in diesem Daten- und argumentationsreichen Buch mit derart vielen Belegen, Beweisen und Fakten versorgen, dass er so gut wie jede Kritik am Katholischen zumindest entkräften kann.

In drei großen Kapiteln gibt Andreas Püttmann Antwort auf seine im Titel gestellten Fragen. Er blickt zurück auf die Ausgrenzung der katholischen Kirche im protestantischen Preußen, erinnert an die katholisch geprägte Bonner Republik, analysiert die „Underdog-Ängste“ der Katholiken in der Berliner Republik, schreibt über die wechselnde öffentliche Wahrnehmung von Papst Benedikt XVI. und untersucht, wie sehr die Aufregung über den Missbrauchsskandal und die „Limburger Geisterfahrt“ berechtigt oder auch öffentlich aufgebauscht war – immer gestützt auf valides Zahlenmaterial.

Im zweiten Kapitel untersucht der Politologe den katholischen Beitrag zum Gemeinwohl der Bundesrepublik. Sein Fazit: Katholiken sind überdurchschnittlich oft staatstreue, vorbildliche Bürger. Das liegt an Wesenseigenschaften, die die Kirche in Lehre und Alltag vermittelt. Dazu gehören die Ausrichtung an einer christlichen Ethik sowie ein „anthropologischer Realismus“, der es katholisch sozialisierten Menschen erleichtert, die Unzulänglichkeit des sündigen Menschen zu akzeptieren. Eine zentrale Rolle spielt die „Ordo-Orientierung“. Katholiken reagieren positiv auf Ordnung: klare Regeln, eindeutige Zuschreibungen. Das ist im guten Falle eine staatstragende Eigenschaft, im schlechtesten Fall, wenn Katholiken sich innerlich von ihrer Kirche und deren Ethik entfernt haben, öffnet es eine Tür, die anfällig für autoritäre Verführungen macht.

Das führt direkt ins dritte Kapitel. Dort nimmt sich der aus vielen aktuellen Quellen schöpfende Autor die „unheilige Allianz katholischer Rechtsausleger“ vor. Püttmann scheut vor harten Urteilen nicht zurück. Mit einem Interview bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) hatte er für Aufsehen gesorgt, als er die AfD und deren katholische Parteigänger scharf kritisierte.

Die „politisch-ethischen Irrlichtereien“ von Rechtskatholiken der Weimarer Republik wiederholten sich heute, sagt der Politologe: „Dass dabei sogar (ältere) katholische Sozial-ethiker mitmischen, die eigentlich einen komplexeren Moralbegriff und Sinn für historisch-politische Zusammenhänge haben müssten, ist für die in der Bonner Republik lange dominierende Richtung dieser Fachdisziplin ein Offenbarungseid.“ Der konservative Püttmann befürchtet: „Die demokratisch-rechtsstaatliche Grundierung“ dieser national-konservativen Katholiken „erweist sich nun als nicht wetterfest“.

Auf jedes Wetter vorbereitet ist dagegen Andreas Püttmann. Er ist kühler Analyst seiner Kirche und ihr Verteidiger, ein konservativer Katholik und Kritiker national-konservativer Umtriebe, ein Propagandist christlicher Werte und ein Kritiker der Ökumene, bei der er die katholische Kirche benachteiligt sieht.

„Wie katholisch ist Deutschland …“ ist ein Rundumschlag, ein Buch, das seine Leser auf jeder Seite um neue Erkenntnisse bereichert. Die Informationsdichte kann den Leser zuweilen überfordern. Doch seine Faktenkenntnis und erstaunliche Beschlagenheit in der Kirchengeschichte der Neuzeit kann man dem Autor schwerlich zum Vorwurf machen.

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